Das blaue Boot

Das blaue Boot Kurzgeschichte

Es war einmal …

ein kleines blaues Boot, das fest im Hafen am Fluss vertäut war und zufrieden im Sonnenschein hin und her schaukelte. Dort hatte es einen wunderschönen Blick auf eine riesige Wiese voll von Blumen. Ein kleines Kind hüpfte dort sorglos einem Ball hinterher. Hin und wieder blieb es stehen, um eine besonders schöne Blume oder einen bunten Schmetterling mit offenem staunendem Mund zu bewundern. Eines Tages aber vergaß man, das Boot richtig festzumachen. Als dann in der Nacht Wind aufkam, blähte sich das Segel auf und das kleine Boot setzte sich in Bewegung.

Ängstlich erkannte es, dass es dem Wind hilflos ausgesetzt war. Und so trieb es weiter und weiter, bis es am Morgen des folgenden Tages an einem dicken Ast, der vom Ufer aus über den Fluss ragte, aufgehalten wurde. Dort blickte es auf eine ebenso schöne Wiese wie diese, die es vom Hafen her kannte. Auch ein Kind war da, das seinen Ball suchte. Das Boot freute sich und vergaß für einen Moment seine Furcht. Doch bald blies der Wind so stark, dass auch der Ast eine Weiterfahrt nicht verhindern konnte. Und so wurde dem kleinen blauen Boot seine eigene Lage wieder bewusst und es weinte bitterlich, bis es durch einen Stoß aus seinen trüben Gedanken gerissen wurde. Es hatte einen Steg gerammt, auf dem ein Mädchen sich niedergelassen hatte. Sie sah sehr müde aus. Den Kopf in die Hände gestützt redete sie mit sich selbst. So erfuhr das Boot, dass das Mädchen an einem Wettlauf teilnahm und nun das Ziel nicht finden konnte. Das Boot wünschte helfen zu können, aber das Mädchen schubste die blaue Nussschale in die Strömung zurück. Immer noch ängstlich, aber auch neugierig und beeindruckt setzt das Boot seinen Weg fort, bis es am Nachmittag auf eine Flasche stieß, die im Wasser dahintrieb und verzweifelt nach ihrem Verschluss suchte. Hilflos konnte sie nicht verhindern, dass immer mehr Wasser in sie hineinströmte und sie immer weiter absackte. Ohne einen passenden Deckel war sie allein und ohne Schutz. Aber das Boot trieb weiter und bald war die Flasche außer Sicht.

Als sich der Tag schließlich dem Ende zuneigte, konnte das Boot schon das Meer erkennen. Doch sein Tau verfing sich in einem Gebüsch, das von der Uferböschung übers Wasser hing, und es konnte nicht weiter. Gerade wollte es wieder zu weinen anfangen, als sein Blick auf einen Schatten fiel, der herzzerreißend schluchzte, weil er sich sehnlichst eine Form wünschte. Das Boot wollte ihn trösten. Und der Schatten erzählte, dass er dem Boot bereits begegnet war. Denn er war das Kind, er war das Mädchen und er war auch die Flasche. Schließlich löste er das Boot aus seinen Fesseln und stieg ein.

Das Boot trieb aufs offene Meer hinaus und bald verlor es sich in der Ferne. Und wenn sie nicht gekentert sind, dann suchen sie noch heute.

© Linda Schilling